Ich grüße Sie mit einem schmunzelnden Holladihoo!
Johanna Spyri schrieb die beiden Bände »Heidis Lehr- und Wanderjahre« (Online-Text) und »Heidi kann brauchen, was es gelernt hat« (Online-Text) vor 135 Jahren in anschaulichem Hochdeutsch. Eingestreute schweizerische Formulierungen wie „das« Heidi (statt die Heidi) ergänzen Lokalkolorit.
Grundlage für dieses Kinderbuch über Natur und Freundschaft sind nachvollziehbare Charakterbeschreibungen. Typen wie vom Leben enttäuschte Öhis oder an Etikette klebende Fräuleins gibt es ja bis heute. Spyris Religiosität schimmert an wenigen Stellen unaufdringlich durch. Eher ein optimistisches Urvertrauen als ein christliches Missionieren. Es bieten sich viele Ansatzpunkte zu Diskussionen mit Kindern im Vor- und Grundschulalter.
Vergleicht man Heidi mit dem Weltbild im wenige Jahre später erschienen »Trotzkopf«, der eine angepasste Biedermeieridylle als Erziehungs- und Lebensziel propagiert (dort siegt sozusagen eine Rottenmeier-Figur), so kann man das Buch für die damalige Zeit fast als revolutionär bezeichnen.
Durch ein 2009 für den MDR produziertes Hörbuch mit der Vorleserin Franziska Oehme wurde ich zufällig auf die hohe literarische Qualität bei Spyri aufmerksam und entsprechend überrascht. Vorher kannte ich Heidi nur von der japanischen Zeichentrick-Serie mit dem Jodelschlager und ähnlich süßlichen Bearbeitungen. Deshalb ging ich dem Stoff bisher aus dem Wege.
Unter den vielen Heidis im Buchhandel scheint die preisgünstige Komplettausgabe von Anaconda derzeit die beste zu sein. Keine Bearbeitung vermittelt eine derartige Lust an der Sprache wie das Original. Es gibt längere Sätze und viele Konjunktive. Trotzdem auch für heutige Kinder verständlich. Meine hatten jedenfalls an Wortspielereien und Dialekten immer ihren Spaß. Lediglich die Rechtschreibung wurde angepasst. Der Sprachrhythmus bei Oehme veranschaulicht den Gedankenfluss übrigens gut.
Gönnen Sie den Kindern und sich »das« echte Heidi. Leichter kann man seine Kenntnisse von Grammatik und Wortschatz kaum erweitern. Alle vereinfachten oder modernisierten Buchausgaben einschließlich des Bernhardiner-Hundes Josef darf man dann getrost vergessen. Die akzeptabelste Verfilmung ist wahrscheinlich die Kinoproduktion von 2015 mit einer eng an Spyri orientierten Handlung.