Alisa: Seit von der ersten LP "Energy" 1984 über 1 Million Exemplare verkauft wurden, ist die Gruppe nahezu pausenlos auf der Bühne präsent. Neben kräftigem kosmopolitischen Rock bieten die Musiker auch ungewöhnlich instrumentierte Balladen, letztere wurden beispielsweise im NDR-Dokumentarfilm über das Uraldorf Irgisly verwendet.
Maria Burmaka: Passt zwar weder altersmäßig noch geographisch in die Kategorie russischer Kult-Rocker, soll aber nicht übergangen werden. Die Softrockerin aus der Ukraine studierte in Italien, durch ihre klaren Bekenntnisse zur sogenannten Orangenen Revolution 2004 wuchs die Schar ihrer treuen Anhänger nochmals deutlich an.
Boris Grebenstshikow (Akwarium): Als Grebenstshikow (auch Grebenschtschikow oder Grebenshikov) für sein Mathematikstudium 1972 nach Leningrad zog, rief er die Band Akwarium ins Leben. Unter den politisch unangepaßten Musikern des Sowjetreiches gehörten die Aquarianer zu den einflußreichsten, im Gegensatz zu Maschina Wremeni wichteten sie die Aussage nie geringer als die Popularität. Ebenso wie die Besetzung rund um den Frontmann (zeitweise der 1996 verstorbene Jazz-Arrangeur Sergej Kurjochin, der 1998 ertrunkene Geiger Alexander Kussul, die Schlagzeuger Anatoli Gunizki und Oleg Shar) wechselte der Stil im Laufe der Jahrzehnte mehrmals bis hin zu Elektronik-Spielereien, als beste Musik aus dem Grebenstshikow-Kreis bezeichnen viele das untypische "Russkij Albom" 1995 ("Russisches Album", mit religiösen Texten über die Stadt Kasan). "Pesni Rybaka" ("Fischerlieder") 2003 öffnet sich indischen Musikeinflüssen, "Zoom zoom zoom" 2005 afrikanischen Rhythmen. Wer den Akwarium-Sound der realsozialistischen Ära kennenlernen möchte, ist mit "Den Sereba" 1984 ("Tag des Silbers") besonders gut bedient. Mitstreiter Sergej Kurjochin (auch Sergey Kuryokhin) wurde international besonders als Jazz-Pianist geschätzt, veröffentliche aber kurz vor seinem Tod hauptsächlich Monumentalpojekte wie das "Sparrow Oratorium" 1993 mit über 150 Mitwirkenden und einer selbstgeschaffenen Phantasiesprache. Akwariums mehrsprachige Darstellung "Aquarium on the web" (www.aquarium-web.com) dürfte nicht nur grafisch der beste Internet-Auftritt einer russischen Rockband sein.
Kruiz (auch Kruis, seltener Cruise): Von 1978 bis 1986 auf Profilsuche, 1988 in Westdeutschland durch ein Konzert in München und eine LP bei WEA bekannt geworden, 1994 ohne Gitarrist Valerij Gaina von Sänger Alexander Monin als Heavy-Metal-Trash-Trio reformiert.
Mashina Vremeni (auch Maschina Wremeni): Andrej Makarewitschs Band "Zeitmaschine" wurde 1968 gegründet und 1980 von den realsozialistischen Behörden als Volkskunstgruppe anerkannt. In den Läden der Sowjetunion gab es zu ihren teils auch grafisch überdurchschnittlichen LPs wenige Alternativen für Rockfans. Mit der aufkommenden Marktwirtschaft erschloß sich Makarewitsch neue Erwerbsquellen als Talkmaster und Werbeheini. Nichtsdesdotrotz spielt die Band bis heute soliden Rock im Spannungsfeld "Links ein Sponsor, rechts der Lama" (Zitat aus dem Song "Auf dem Weg nach Nepal" 1997).
Ole Lukkoye: Die 1989 entstandene Band verbindet britische Rock-Traditionen mit schamanistisch-psychedelischen Klängen, welche seit 1995 auch in Westeuropa für Aufsehen sorgen.
Sasha Pushkin (auch Sascha Puschkin): Der russische Avantgarde-Pianist lebte um 2000 in Berlin, wo ist er geblieben? Die Homepage "Psycho Active Ethno Industrial Pushkin Boom Beat" (www.pushkinsound.de) liefert auch keine aktuellen Informationen. Pushkin verwendete die Mischsprache Quelia (in russische Grammatikstrukturen werden viele deutsche Wörter eingebaut). Er wurde damals begleitet vom Balalaikaspieler Oleg Matrozov und vom Perkussionisten Souleymann Toure.
Red Elvises (auch Krasnije Elvisij oder Krasnye Elvisy): 1995 in Kalifornien gegründet, produzieren die Aussiedler hauptsächlich englischsprachigen Partygaudi der einfallsreicheren Sorte. Ausschließlich russisch gesungen ist "Russian Bellydance" 1998 ("Tanjets Shiwota", eine fast identische CD entstand ein Jahr zuvor auf englisch) mit dem Hit "Kosmonaut Petrow", überwiegend russisch "Rokenrol" 2002. Nicht nur die Elvis-Ära wird mit der Bassbalaleika durch den Kakao gezogen, das Spektrum reicht von Tango über Türk-Pop bis Lambada.
Uralsky All Stars: Durch CD-Aufnahmen in Holland wurde der Old Time Jazz aus dem Ural rund um den Pianisten Oleg Plotnikov auch im Westen bekannt.
Vladimir Vyssotsky (in lateinischen Buchstaben verschiedene Schreibvarianten wie Visotski, auch mit W): Darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, zumal auch viele Rocker von ihm beeinflußt wurden. Ab 1960 erfolgreich als Theaterschauspieler (Hamlet), 1970 dritte Heirat mit der französischen Schauspielerin Marina Vlady (Marina Catharina de Poljakoff-Baidaroff). Zweifellos einflussreichster Liedermacher der Sowjetära, sein Begräbnis 1980 entwickelte sich mit etwa 40 000 Teilnehmern zu einer der größten Oppositions-Versammlungen der Sowjetunion.
Yat-Kha: Tuva liegt in Sibirien am Oberlauf des Jenissej, eine zu Russland gehörende autonome Republik mit nur einer Drittelmillion Einwohnern. Hier ist der auch in der Mongolei populäre Maultrommelgesang zu Hause, bei dem ein Sänger mehrere Tonhöhen gleichzeitig schafft. Das klingt ziemlich archaisch, obendrein beschäftigen sich die Texte oft mit der Geschichte Tuvas. Chef Albert Kuvezin reanimierte die 1991 gegründete Band nach mehreren Brüchen immer wieder reanimiert, die Besetzung von 2003 mit der Produktion "Tuva Rock" war wohl die bisher beste. Dort verbindet Yat-Kha diese Folklore mit erdigem Rock, der sowohl stellenweise an Pferdegalopp als auch an Texas-Blues erinnert.
Viktor Zoy (Kino): Schon zu Lebzeiten war der Russlandkoreaner Zoy (auch Zoi oder Tsoi) eine Ikone der rebellischen Jugend, durch den mysteriösen Unfalltod 1991 wurde er erst recht zur Legende. Das Auto war völlig ausgebrannt, die Magnetbänder für seine fast fertige neue LP aber nur etwas rußig (dementsprechend "Schwarzes Album"). Die schwer in eine Schublade passende morbide Punk-Musik seiner 1981 mit Hilfe von Boris Grebenstshikow entstandenen Gruppe Kino verband sich mit phonetisch gut verständlichen Texten, welche sich durch geschickte Mehrdeutigkeiten der Endphase realsozialistischer Zensur entzogen ("Atomfreie Zone" 1984, "Ich will Veränderungen" 1986). Spekulationen machen selbst vor der Vermutung nicht halt, der "Natshalnik Kamtshatki" ("Chef von Kamtschatka", Titel einer erfolgreichen LP) würde irgendwo weiterleben. Derzeit sind Zoi-CDs problemlos im Handel erhältlich, Konzertmitschnitte klingen meistens aggressiver als Studioproduktionen.